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Buchbesprechungen Detail

Byung-Chul Han "Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken"

Die Linke KV Wuppertal K.F.

Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken ISBN: 978-3-10-002203-5

In "Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken" analysiert Byung-Chul Han die Machtmechanismen des Neoliberalismus. Er zeigt auf, wie sich diese von klassischen Disziplinargesellschaften (beschrieben von Foucault) hin zu einer "Psychopolitik" gewandelt haben. Während Foucaults Biopolitik noch auf die Kontrolle des Körpers abzielte, entdeckt der Neoliberalismus, wie Han es entwickelt, die Psyche als neue Produktivkraft. Die neoliberale Gesellschaft fördert Selbstoptimierung, Selbstausbeutung und freiwillige Selbstentblößung – etwa durch digitale Transparenz und soziale Medien. Han argumentiert, dass diese scheinbare Freiheit in Wahrheit eine neue Form der Unterdrückung ist. Der Einzelne wird zum Unternehmer seiner selbst, was zu einer Krise der Freiheit und zu einer Gesellschaft führt, die sich selbst ausbeutet und kontrolliert. Dies führt zu: „Ausgebeutet wird nun die Psyche. So wird dieses neue Zeitalter von psychischen Erkrankungen wie Depression oder Burnout begleitet.“ (Kapitel Healing als Killing) oder auch: „Wir leben in einer besonderen historischen Phase, in der die Freiheit selbst Zwänge hervorruft. Die Freiheit des Könnens erzeugt sogar mehr Zwänge als das disziplinarische Sollen, das Gebote und Verbote ausspricht. Das Soll hat eine Grenze. Das Kann hat dagegen keine. Grenzenlos ist daher der Zwang, der vom Können ausgeht. Wir befinden uns somit in einer paradoxen Situation. Die Freiheit ist eigentlich die Gegenfigur des Zwanges. Frei sein heißt frei von Zwängen sein. Nun erzeugt diese Freiheit, die das Gegenteil des Zwanges zu sein hat, selbst Zwänge. Die psychischen Erkrankungen wie Depression oder Burnout sind der Ausdruck einer tiefen Krise der Freiheit. Sie sind ein pathologisches Zeichen, dass heute die Freiheit vielfach in Zwang umschlägt.“ (Kapitel Ausbeutung der Freiheit)

„Wer in der neoliberalen Leistungsgesellschaft scheitert, macht sich selbst dafür verantwortlich und schämt sich, statt die Gesellschaft oder das System infrage zu stellen. Darin besteht die besondere Intelligenz des neoliberalen Regimes. Sie lässt keinen Widerstand gegen das System aufkommen. Im Regime der Fremdausbeutung ist es dagegen möglich, dass die Ausgebeuteten sich solidarisieren und sich gemeinsam gegen die Ausbeuter erheben. Auf dieser Logik beruht ja Marx’ Idee der »Diktatur des Proletariats«. Sie setzt aber repressive Herrschaftsverhältnisse voraus. Im neoliberalen Regime der Selbstausbeutung richtet man die Aggression vielmehr gegen sich selbst. Diese Autoaggressivität macht den Ausgebeuteten nicht zum Revolutionär, sondern zum Depressiven.“ (Kapitel: Diktatur des Kapitals)

Han beschreibt, wie Big Data und emotionale Steuerung die Psyche des Menschen gezielt beeinflussen und ausnutzen. Sein Buch entwirft nicht nur eine scharfe Kritik, sondern skizziert auch Gegenmodelle, um der neoliberalen Psychopolitik zu begegnen.

Han`s Gegenmodelle zielen darauf ab, die psychische Autonomie des Einzelnen zu stärken und alternative Formen des Zusammenlebens zu denken, die nicht von neoliberaler Logik durchdrungen sind.

Er entwickelt folgende Gegenmodelle:

  • Kritik an der Transparenzgesellschaft: Han plädiert für Räume der Unsichtbarkeit und des Geheimnisses, um der totalen Überwachung und Datenausbeutung entgegenzuwirken.
    Han argumentiert, dass die neoliberale Gesellschaft durch totale Transparenz und Überwachung geprägt ist – sei es durch soziale Medien, Big Data oder staatliche Kontrolle. Diese Transparenz führt zu einer Entmündigung des Einzelnen, da alles Sichtbare auch kontrollierbar wird. Als Gegenmodell schlägt er vor, Räume der Unsichtbarkeit und des Geheimnisses zu schaffen. Nur dort, wo nicht alles sichtbar und messbar ist, kann sich echte Freiheit und Autonomie entfalten. Han bezieht sich dabei auf die Bedeutung von Privatsphäre und die Notwendigkeit, sich der totalen Datenausbeutung zu entziehen.
  • Wiederentdeckung von Ritualen und Gemeinschaft: Er betont die Bedeutung von Ritualen und kollektiven Erfahrungen, die dem neoliberalen Individualismus und der Vereinzelung entgegenstehen.
    Han sieht in der neoliberalen Gesellschaft eine zunehmende Vereinzelung und den Verlust von Ritualen, die früher Gemeinschaft stifteten. Rituale – ob religiös, kulturell oder sozial – schaffen Verbundenheit und geben dem Leben Struktur. Sie stehen im Gegensatz zur neoliberalen Logik der Flexibilität und ständigen Verfügbarkeit. Han plädiert dafür, Rituale bewusst zu pflegen, um dem Individualismus und der Entfremdung entgegenzuwirken. Dies kann durch kollektive Praktiken, Feste oder auch künstlerische Aktivitäten geschehen, die nicht zweckrational sind, sondern um ihrer selbst willen stattfinden.
  • Emanzipation von der Leistungsgesellschaft: Statt ständiger Selbstoptimierung und Effizienzdenkens fordert er eine Rückkehr zu Muße, Kontemplation und einer Kultur des „Nichtstuns“.
    Ein zentrales Gegenmodell ist die Kritik an der neoliberalen Leistungsgesellschaft, die den Menschen zu einem sich selbst ausbeutenden Subjekt macht. Inspiriert von antiken Philosophien (z.B. der griechischen „Schole“) betont er, dass echte Freiheit erst dort beginnt, wo der Mensch nicht mehr gezwungen ist, sich ständig zu optimieren. Stattdessen soll Raum für Kreativität, Philosophie und sinnstiftende Tätigkeiten geschaffen werden, die nicht dem Diktat der Nützlichkeit unterliegen.
  • Kritik an der Digitalen Kontrolle: Han warnt vor der Macht von Big Data und sozialen Medien, die Emotionen und Verhalten manipulieren, und plädiert für eine bewusste Distanzierung von digitalen Zwängen.
    Han warnt vor der Macht digitaler Plattformen, die durch Algorithmen und Big Data Emotionen und Verhalten steuern. Als Gegenmodell schlägt er vor, sich bewusst von digitalen Zwängen zu distanzieren – sei es durch bewussten Umgang mit sozialen Medien, durch kritische Reflexion über die eigene Datenpreisgabe oder durch die Suche nach alternativen Kommunikationsformen, die nicht von kommerziellen Interessen durchdrungen sind. Han betont, dass es darum geht, die eigene Psyche vor der Manipulation durch digitale Machttechniken zu schützen.

 

Konrad Fumagalli (28.10.2025)
Ich habe das Buch mit innerer Teilnahme gelesen. Vieles von dem, was Han beschreibt, entdecke ich, auch bei mir im Gebrauch mit den sozialen Medien. Bei mir erzeugt es den Zwang, schnell einen Kommentar abzugeben, schnell mal was zu schreiben, immer aktuell, auf dem Laufenden zu sein und dabei mich selbst und meine kostbare Zeit zu verlieren. Der Zusammenhang der Machtausübung durch Selbstoptimierung, gefördert durch die sozialen Medien, war eine neue Erkenntnis, die ich dem Buch entnehmen konnte. So finden heute immer häufiger digitale Treffen statt, die wenig Raum für die wahre Begegnung lassen. Lockere, meist sehr gehaltvolle Kaffee-Gespräche, finden nicht statt. Beziehungen (die zwischen den Menschen wichtig sind) werden nicht gepflegt. Emphatische Fähigkeiten verkümmern, da die Sachthemen im Vordergrund stehen, ohne zu erkennen, dass die Beziehungsebene die Sachentscheidungen sehr stark beeinflussen. 
Ich wünsche den Leser*innen neue Erfahrungen, oder auch tiefere Erkenntnisse, wie die neuen Machtinstrumente bei Ihnen wirken. Gerne können Sie mir Ihre Erfahrungen, beim Lesen des Buches schreiben. redaktion@dielinke-wuppertal.de - Stichwort Buchbeschreibung Han.

 

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